Kreiszeitung. 1. 5. 2017

Grenzgänger mit Schalk und Werkstreue

Bremen - Von Ulla Heyne. „Finnahead“ statt „Jazzahead“ – dafür plädierte Starpianist Iiro Rantala, dessen Galakonzert am Freitag in der Glocke einen denkwürdigen Glanzpunkt des Festivals setzen sollte. Der Finne, der an der Sibelius-Universität in Helsinki Jazz und in New York Klassik studiert hat, vereint eben diese beiden Pole.

Dass die Grenzen fließend verlaufen können und schon gar nicht diametral gelagert sein müssen, zeigt schon ein Blick aufs Programm: Die eigenen Stücke geraten zum Teil sinfonischer als manches Klassikwerk. Das erste seiner drei Solostücke, an Sibelius’ „Finlandia“ angelehnt, nennt der 47-Jährige „mein wohl finnischstes Stück – melancholisch, depressiv“.
Meister Amadeus hätte seine Freude an Rantala gehabt Es soll nicht das einzige gut gelaunte Spiel mit Klischees des Finnen im Anzug mit grünen Schuhen und roten Punktsocken bleiben. Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 in C-Dur, mit dem er gemeinsam mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen den offiziellen Teil des Abends beenden soll, spickt er leger mit Improvisationen und kleinen Fremdmotiven, dass der ebenfalls als Schelm bekannte Meister Amadeus wohl seine Freude gehabt hätte. Dabei fallen große Werkstreue und Ernsthaftigkeit in der Beschäftigung mit den Grundlagen seiner Arrangements mit einer Frohnatur zusammen, die fast über die technischen Meriten des finnischen Starpianisten hinwegtäuscht. John Lennons „Imagine“ startet in Moll, die düstere, zuweilen bedrohliche Note und die fast rabiaten Staccati erinnern an die Schüsse auf die 1980 ermordete Ikone.
Kammerphilosophie lässt sich von der Spielfreude anstecken Eher süßlich, fast zärtlich dagegen kommt die gezupfte Mozart-Hommage, die Eigenkomposition „Anyone with a Heart“ daher. Und siehe da: Die Kammerphilharmonie lässt sich vom Meister anstecken. Konzertmeister Florian Donderer bedenkt Klatscher zwischen den fünf Stücken des unlängst verstorbenen finnischen Komponisten Rautavaare mit launigen Kommentaren, und sein improvisiertes Solo in Rantalas „Freedom“ klingt, als würde er nicht zum ersten, sondern zum x-ten Mal den Teufelsgeiger geben. Auch das Publikum erliegt dem Charme des Grenzüberschreiters und stimmt nach zweieinhalb Stunden in „All You Need is Love“ ein. Und dazwischen? Viele der Stücke nehmen sich aus wie lange Bahnfahrten: stets im Fluss, die vorbeigleitenden Kopf-Landschaften ändern sich nur langsam, zwischendurch hält Rantala immer wieder an Bahnhöfen des Grundmotivs.

Nicht alles war Jazz, aber „it‘s all about Music an Love“ Mit der Absage, sich auf einen eng definierten Musikstil zu beschränken, agiert Rantala ganz im Geiste der Clubnacht am Samstagabend.